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Interview



Nachdem aufgrund diverse Komplikationen mein Interview mit ODROERIR im Rahmen der Spirits Of The Ancient-Tour nicht verwirklicht werden konnte mussten wir auf das Internet und damit die Beantwortung via Email zurückgreifen. Dass zwischen Tour und fertiggestelltem Interview einige Zeit vergangen ist wird offensichtlich, wenn man die Länge der Antworten von Gitarrist, Sänger und Erzähler Stickel betrachtet.

DF: Erstmal Hallo, und Gratulation zu einem tollen, mitreißenden Gig in München – hat mir wieder einmal sehr gut gefallen, euch live zu sehen! Und auch die jeweils letzten Songs bei Eluveitie und euch wussten natürlich sehr zu gefallen – ein so mitreißendes „Iring“ gibt’s auch kein zweites Mal!
Ihr habt ja nun den letzten Gig der „Spirit Of The Ancient“-Tour gespielt, wie lief diese Tour so im allgemeinen?

S: Danke für deine Glückwünsche. München war wirklich – nicht zuletzt dank aller Gäste – ein würdiger Abschluss einer großartigen Tour. Eine geeignetere Band als Eluveitie hätten wir auch kaum finden können. Ihr geradezu zum tanzen auffordernder Folk-Metal, sowie unsere eher getragenen Stücke offerierten dem geneigten Fan Abend für Abend ein äußerst abwechslungsreiches und stimmungsvolles Konzert. Zudem sind die Helvetier allesamt fantastische Personen, mit denen wir uns gerade menschlich wunderbar verstanden haben – was allerdings auch dazu führte, das wir nicht gerade selten nach gemeinsam durchzechter Nacht Nachmittags ziemlich verkatert erwachten... :)
Einen ausführlichen Tourbericht und ein paar Bilder wird es irgendwann dieser Tage auf unserer Homepage zu sehen geben. Bereits online gestellt haben wir ein paar Impressionen einiger Ehrfurcht gebietender Megalithgräber im Oldenburger Land, die wir an einem freien Tag während unserer Tour besichtigten.


DF: Nun habt ihr ganz Deutschland mit eurer Musik beehrt – aber wie erklärt ihr es euch, dass gerade Thüringen so viele Pagan-Bands hervorbringt?

S: Nun ganz genau kann ich dir das auch nicht erklären. Klar, es gibt hier unheimlich viele Zeugnisse der Vergangenheit: prähistorische Wallanlagen, Ruinen, Wüstungen, Hügelgräber usw.! Dies sind nun mal alles Dinge, die einen Musiker der derart spirituelle Bindung sucht mit Inspirationen versorgen können, allerdings lassen sich all diese Zeugnisse frühmittelalterlicher und vorchristlicher Geschichte auch andernorts finden, sofern man denn danach sucht. Daß nur Thüringen allzu viele Pagan-Bands hervor bringt kann man wohl auch nicht sagen, hört man doch an allen Ecken und Enden von neu gegründeten Pagan/Viking/Folk-Metal-Combos.
In meinen Augen allerdings ein natürlicher Prozess für eine Stilrichtung, die einst nur aus wenigen Bands bestand und inzwischen als feste Größe etabliert ist. Junge Menschen wachsen nun schon mit dieser Art von Musik auf, beginnen zum Teil selbst ein Instrument zu spielen und eifern einfach ihren eigenen Hörgewohnheiten nach. Dann ist die erste eigens gegründete Band keine Thrash, Death, Black, Heavy oder weis der Geier Band mehr, sondern eben Pagan Metal. Das daraus schlussfolgernd nicht alle Bands mit glühender Überzeugung Verfechter des Heidentums sind, sondern einfach ihren Spaß an der Musik verfolgen, ist durchaus verständlich.


DF: Gibt es denn schon etwas zum kommenden Album – Götterlieder 2 soweit ich weiß? – zu sagen?

S: Zur Zeit ist geplant, daß wir im Frühjahr erneut in´s Studio gehen um das neue Album aufzunehmen - in der Hoffnung es auch im kommenden Jahr noch zu veröffentlichen und im Anschluß wieder eine kleine Tour spielen zu können. Unser Geiger Veit meinte die Tage (nur 3 Wochen nach der „Spirit of the ancient“ Tour) zu mir: „Wie weit ist eigentlich Fix mit den endgültigen Arrangements? Ich will endlich wieder zurück in diesen „scheiß“ Tour Bus!!!!!“

DF: Wohin führt da der Weg von Odroerir – zurück zur Härte von „Lasst euch sagen…“, oder weiter so ruhig wie bei den Götterliedern?

S: Sowohl als auch, es existieren Stücke die härter und düsterer sind als das „Laßt euch sagen...“ Album, ebenso wieder akustische und sehr getragene Lieder. Wobei das „härter“ natürlich rein subjektiv zu sehen ist – Geschwindigkeitsattacken mit ausufernden doublebass Orgien wird man bei uns weiterhin vergebens suchen.

DF: Und wie stellt ihr euch eure Zukunft nach den zweiten Götterliedern vor, welche musikalischen Ziele habt ihr so vor Augen?

S: Nun im Moment hängt es noch in der Schwebe ob die Götterlieder mit dem Folgealbum überhaupt schon als abgeschlossen gelten können, oder ob das vorhandene und noch umzusetzende Material den Umfang einer weiteren CD sprengt und noch einer Dritten bedarf. Ebenso hatten wir einmal ein reines Akustikalbum geplant, mit eigenen Stücken und einigen Coverversionen. Auch existieren seit Jahren von Fix fertig komponierte Stücke, die einfach thematisch noch nicht auf eines unserer Alben passten. Zum Beispiel das vor Ewigkeiten von uns schon live gespielte Iwein, eine Umsetzung des frühesten Artusromans Deutschlands von Hartmann von Aue oder ein Stück um den Keltenfürst Vercingetorix.

DF: Wie funktioniert bei euch das Songwriting, arbeitet ihr als Kollektiv, bringt jeder etwas ein, oder gehen Texte wie Musik da auf wenige zurück?

S: Texte und Musik gehen zum allergrößten Teil nicht auf wenige sondern auf einen zurück: Fix komponiert im Alleingang die Stücke bei sich zuhause und arrangiert sie als Multiinstrumentalist gleich für die gesamte Band. Man könnte auch sagen wir sind sein kleines Orchester, das er bei der Vorlage der fertigen Werke nicht selten zum staunen und ab und an, wenn es um die Umsetzung geht, auch zum verzweifeln bringt. :)
Bei den immer wieder vorhandenen Solostücken hat dann jeder noch die Möglichkeit seine eigene Kreativität mit in die Lieder einzubringen.


DF: Von Natalie erfährt man auf eurer Homepage ja nicht gerade viel – wie kam es zum Sängerinnenwechsel, hat sie sich inzwischen gut bei euch eingefügt?

S: Der Sängerinnenwechsel erwuchs aus persönlichen Differenzen zwischen Fix und Ivonne, die eine derart tiefe Kluft zwischen den beiden schufen, das Fix sich leider menschlich nicht mehr in der Lage sah, mit ihr an etwas so persönlichem wie Musik zusammen zu arbeiten.
Natalie kannten wir schon länger, vornehmlich von ihrer vorherigen Band Falling Leaves und ihrer Studioaufnahme bei Gernotshagen. Nach unserer Anfrage, ob sie denn Interesse hätte bzw. eine geeignete Sängerin für uns wüsste, sagte sie zu und ist seit dem im Team. Ein Sängerwechsel ist natürlich immer eine einschneidende Sache, zumal das Ohr den Hörgewohnheiten unterliegt und sich dann abrupt die Klangfarbe in bereits bekannten Liedern ändert. Während all der Konzerte in diesem Jahr, hat sie aber denke ich einen eigenen Stil gefunden, der zu unserer Art der Musik passt.


DF: Inwiefern identifiziert ihr euch mit dem alten Götterglauben? Ist das für euch Religion, oder eher ein Übertragen von verlorengegangenen Werten – wie z.B. Loyalität, Ehrlichkeit, Naturverbundenheit - in die heutige Zeit?
Was bedeutet euch die Edda, gerade die Snorri-Prosa-Version? Allgemein wird sie ja des öfteren für ihre christlichen Einflüsse angegriffen – und gerade der Prolog gibt diesen Angriffen ja durchaus recht und rückt die ganze Edda in ein vollkommen anderes Licht.

S: Wie in so vielen Kulturen ist auch der germanisch/nordische Götterglaube die Personifizierung der den Menschen ureigenen Ängste, Hoffnungen, Wertvorstellungen und sich entwickelnden Lebensweisheiten auf der einen und der bildlichen Darstellung von Naturphänomenen auf der anderen Seite. In Folge dessen erachte ich es als viel wichtiger die kulturhistorische Bedeutung, die oftmals tiefer liegenden Werte und Weisheiten am Leben zu erhalten, als das plakative und sehr oft von esoterischem Unsinn durchzogene Anbeten einer der unzähligen Gottheiten. Die Edda ist zweifelsohne das wertvollste Stück Literatur in Bezug auf nordgermanische Mythologie und Dichtkunst. Um sich einen umfassenden Kontext zu erarbeiten, sollte man allerdings weder die Snorri-Edda noch den Codex Regius außen vor lassen. Natürlich kann man zum Teil in die Edda christliche Einflüsse hinein interpretieren, ich wüsste allerdings nicht warum man das Gesamtwerk, gerade diese wunderbar anspruchsvolle und poetische Dichtungsart der Skaldendichtung, deswegen in einem vollkommen anderen Licht sehen müsse? Oder sollte die Frage lauten: In welches Licht wird von manchem Leser die Edda gerückt? Man sollte sich vielleicht vor Augen führen, wann die uns heute vorliegenden Schriftstücke niedergeschrieben wurden. Die Niederschrift des Codex Regius schätzt man auf das Ende des 13. Jahrhunderts in Island, eine Zeit also, in der Island bereits fast 3 Jahrhunderte christlich war. Das von Snorri Sturluson (vermutlich ein Christ!, Historiker und Politiker) geschriebene Lehr- und Handbuch der skaldischen Dichtung datiert auf ca. 1220. Es existieren sicher mehr vage Vermutungen über den Zeitrahmen und Herkunft der einzelnen Lieder und Verse als über den genauen Standort der Varusschlacht (um nur ein historisches Beispiel zu nennen, bei dem viele ach so fest stehende Theorien mit jedem neuen Fund und zahllosen Interpretationsmöglichkeiten über den Haufen geworfen werden). Auf jeden Fall wäre es vermessen zu glauben das die enthaltenen Lieder, welche mitunter über mehrere Jahrhunderte mündlich, später wiederum in christlicher Umgebung schriftlich, stets unverändert niedergeschrieben und überliefert wurden. Die Edda ist sicher kein 1:1 Abbild alten Brauchtums und uneingeschränkt allgemeingültiger Glaubensvorstellungen, aber ein in seiner Gesamtheit poetisches, mit metaphorischen Umschreibungen strotzendes Meisterwerk und einzigartiges Kompendium nordischer Mythen und Heldensagen.

DF: Inwiefern beeinflussen euch die Dinge, von denen ihr singt, außerhalb von Konzerthallen und Interviews, inwiefern lebt ihr nach dem, worüber ihr singt?

S: Das ist natürlich von Person zu Person in der Band unterschiedlich und hängt vom Ermessen eines jeden selbst ab. Einige von uns nutzen gerade während eines Urlaubs nahezu jede Gelegenheit Vermächtnisse alter Kulturen und entsprechende Museen zu betrachten. Wir feiern die Jahreskreisfeste in ungezwungener Runde im Freien und Fix und ich sind auch in einer Re-enactment Gruppe tätig und betreiben in eben dieser möglichst authentische Darstellung des Frühmittelalters. In Zusammenarbeit mit Museen und auch dem Fernsehen entstanden bereits diverse Ausstellungen und Reportagen die dem Zuschauer auf historisch respektvolle Art und Weise das Leben jener Epochen näher bringen, die uns so sehr am Herzen liegen.

DF: Leider konnte ich beim Zwergenaufstand-Festival aufgrund diverser Verpflichtungen nicht zugegen sein, aber dass ihr euer Logo dort nicht auf der Bühne nicht aufhängen durftet habe ich doch mitbekommen – warum?

S: Sei froh das du nicht zugegen warst, etwas derart lächerliches – oder sollte ich sagen erschreckendes – hab ich wahrlich in all den Jahren noch nicht erlebt.
Schon bei unserer Ankunft wurden wir von 2, noch in zivil gekleideten, Polizisten höflich angesprochen, wir mögen doch unsere Fahne (handgestickt, abgebildet unser in Runen geschriebener Schriftzug sowie das symbolische Triskelion aus Hörnern) nicht mit auf die Bühne nehmen, da sie es sonst konfiszieren müssten. Ein kurzes Gespräch ergab, das man unserer Musik wohl nichts staatsfeindliches (??!!) nachweisen könne, aber es nicht auszuschließen ist, das mit der Fahne auf Grund der Runen rechtes Gedankengut propagiert wird. So habe man von der bayerischen Staatsanwaltschaft die Auflage bekommen, alle auf diesem Festival vorhandenen Objekte die mit Runen oder ähnlich „brisanten“ Symboliken versehenen sind, zum Schutz der Öffentlichkeit zu konfiszieren. Bei uns besonderst anstößig war wohl die Odals-Rune, welche allerdings in der Bundeswehr jeden Feldwebel ziert.
Das sich darauf uns bietende Bild war erschütternd: Besucher die sich ihrer Kleidung entledigen sollten (mir aufgefallen bei Nebelhorn und Falkenbach Shirts), Stände die CD-Cover abklebten und die Band Helfahrt, denen die Fahne bzw. das Backdrop bereits auf dem Campingplatz entzogen wurde. Insgesamt ein Erlebnis das zeigt, wie traumatisch Teile von Deutschland immer noch mit der eigenen Vergangenheit umgehen. Ich hoffe wirklich so etwas nie wieder zu erleben.


DF: Eure Texte zeichnen sich ja meist weniger durch kurze Strophen und eingängige Refrains aus als durch komplexe Erzählungen, teilweise auch mit verschiedenen Refrains – was kommt vorher, der Wunsch, Musik zu machen, oder das Bedürfnis, den Menschen in diesem Land das Bewusstsein über die Sagen und Lebensweisen ihrer Vorfahren zurückzugeben?

S: Es ist ein ineinander übergreifen von beidem. Der Wunsch Musik zu machen ist natürlich essentiell, während das eigene kultur-historische Interesse den thematischen Inhalt liefert. Größtenteils ist es allerdings so, das die Kompositionen schon vor dem Text fertig gestellt sind. Was wir vermitteln wollen ist nicht nur das trockene Wissen um Mythologie und Lebensart unserer Kultur sondern vor allem gilt es das Interesse an sich zu wecken, den Zuhörer dazu zu bringen, sich selber mit all diesen Dingen auseinander zu setzen und schlussendlich natürlich auch mit unserer Musik zu unterhalten.

DF: Seht ihr da in der jüngsten Vergangenheit Fortschritte? Die aufstrebende Pagan-Szene, die vielen Fahnen bei der Fußball-WM, verändert sich etwas in der Auffassung der Deutschen von ihrem eigenen Land oder sind das nur Modeerscheinungen?

S: In den Menschen wächst natürlich das Bedürfnis wieder auf das eigene Land stolz sein zu können und vielleicht auch zu den eigenen Wurzeln zu finden, ein Vorgang der sich in vielen Bereichen deutlich macht. Sei es das sich entwickeln einer Subkultur wie dem Pagan-Metal, das von dir genannte Beispiel der Fußball WM oder Frühmittelalterliche Darstellungsgruppen, derer auch immer mehr im entstehen sind. Es ist allerdings ein empfindliches Wachstum, das nur allzu leicht zu stören ist. Sei es von politisch extrem Rechten, die sich auf perverse Vorstellungen einer vergangenen Diktatur berufen, oder von eben jenen Gutmenschen, die meinen jede Geschichtsbetrachtung und aufkeimenden Nationalstolz mit dem Dünkel der politischen Tabuisierung betrachten zu müssen. Mit Erschrecken habe ich beispielsweise vernommen, das einige Politiker während der Fußball WM ernsthaft diskutierten, ob das zu diesem Zeitpunkt vermehrte auftreten von Deutschland-Fahnen überhaupt legitim sei.
Aber um den Nationalcharakter eines Volkes, in diesem Fall unseren eigenen, zu verstehen muss man die Geschichte in ihrer Gesamtheit aufnehmen, die politisch und geistigen Katastrophen ebenso wie eine blühende Jahrtausendalte Kultur.


DF: Der Bericht des ARD-Magazins „Polylux“ braucht aufgrund seines uninformierten, verhetzenden Inhalts ja gar nicht weiter besprochen werden – aber seht ihr eine Gefahr für die Pagan-Szene durch Beeinflussung der Extremen Rechten?

S: Das Thema Polylux überspring ich dann auch gleich, verweise lediglich auf das mit Fix geführte Interview bei Bloodchamber und komme zum 2. Teil deiner Frage.
Eine Gefahr für die Pagan-Szene sehe ich ehrlich gesagt nicht nur durch extrem Rechte als vor allem durch fehlende Aufklärung, Fehlinformationen, zu bequemem Denken von Fans (ebenso wie Bands) und Gutmenschen, die meinen in jedem thematischem aufbereiten frühmittelalterlicher Geschichte ein Politikum zu sehen.
Zur Erläuterung schweife ich mal anhand eines Beispiels etwas weiter aus: Wir, und ich maße mir hier an von all unseren Bandmitglieder zu sprechen, achten jedweden vernunftbegabten Menschen, gleich welcher Hautfarbe oder welcher Kultur. Ganz egal ob seine Vorfahren meinten im Tode nach Walhall, auf die elysischen Felder, in die ewigen Jagdgründe, die Anderswelt oder wohin auch immer zu kommen. Wir versuchen ein lebendiges und vor allem wirklichkeitsgetreues Bild frühmittelalterlicher Geschichte zu zeichnen, etwas das sehr konträr steht zu dem, was etwa das Regime des 3. Reichs zu vermitteln versuchte, ein Regime das es schaffte die Kultur eines ganzen Volkes zu vergewaltigen und ein Großteil des Landes bis heute traumatisch auf dieses Thema reagieren lässt. Und auch konträr zu dem scheinbar bei vielen noch vorherrschendem Bild eines schillernden Germanen, das eher opulent prunkende wagnerische Züge trägt, als Menschen zeigt, deren Leben oftmals auf Entbehrungen beruht. Nun nehmen wir mal an, eine rechtsextreme Person, mit all den plakativen Eigenschaften die ihnen so oft nachgesagt werden, kommt beispielsweise auf´s Ragnarök-Festival und stößt dort auf eine Band wie uns. Das Sonnenrad ein Zeichen von Haß, Tod und Zerstörung? Nein, ein globales Symbol für Leben und Wärme. Arische (Herren)Rassenlehre? So ein obszöner Unsinn, die Geschichte zeigt Völkerwanderungen mit sich vermischenden Volksstämmen und germanische Fürsten, die nicht selten ausländische Frauen ehelichten.
Das lässt sich natürlich ein ganzes Stück fortsetzen, aber das Fazit ist klar: die Person hat entweder die Möglichkeit seine absurden Vorstellungen zu überdenken oder sich ein anderes Podium für seine Überzeugungen und Propaganda zu suchen. Noch unwahrscheinlicher ist es, das er in seinen Kreisen die Musik einer Band verbreitet, die seine eigenen Vorstellungen ad absurdum führt. Nun kommt ein Magazin wie z.B. das Polylux welches derart undifferenziert und reißerisch berichtet, das einem unbeflecktem Zuschauer ein derartiges Festival wie ein Hexenkessel aus rechtem Gedankengut präsentiert wird.
Und hier offenbart sich das wahre Problem in Bezug auf unser Geschichtsbild, sicher verstärkt noch durch den Aspekt, das es hier von einer Subkultur und nicht von einer anerkannten Universität der Geschichtsforschung präsentiert wird und über das bereits ein Walter Böckmann in den 80-ern schrieb:
„Wer diesem Thema gerecht werden will, muß sich vor allem bemühen, dreierlei zu verstehen: Einmal den Geist jener germanischen Frühzeit, die nun zweitausend Jahre zurückliegt, dann die politischen und psychologischen Absichten der griechischen und römischen Autoren, denen wir unsere Kenntnisse verdanken, und drittens den Geist unserer eigenen Zeit mit ihren Erwartungen und Vorurteilen.
Dies hat für uns besonderes Gewicht, denn unsere Einstellung zur eigenen Geschichte ist vielfältig gestört, wie dies nach großen politischen und geistigen Katastrophen auch nicht verwunderlich erscheint, sollen wir uns doch nach Meinung einiger zu einem Verständnis von „Deutschland“ bekennen, das teilweise eine zweitausendjährige Entwicklung einfach leugnen müßte.“


DF: Meiner Meinung distanzieren sich viel zu wenige Pagan-Bands von rechtem Gedankengut – nach dem Ragnarök-Festival wurde im zugehörigen Forum die Menge der Nazis vor Ort moniert. Das „Schutzwort“ unpolitisch ist meiner Meinung nach nicht mehr lange haltbar, muss sich nicht die Pagan-Szene als ganzes, und damit auch ihre Bands, von dieser politischen Einstellung distanzieren? Oder sollte man weiterhin versuchen, auf Festivals und Konzerten durch das Weglassen jeglicher Politik von Seiten der Bands ein „harmonisches Miteinander“ der Extremen mit dem Rest zu erreichen?

S: Dieses Thema stößt mir inzwischen ziemlich sauer auf.
Gegenfrage: Warum MUSS sich denn jede Band, noch dazu eine die weder politische noch auch nur ansatzweise rassistische Ideologien verfolgt, stets und ständig von rechtem Gedankengut distanzieren? Sollte nicht das Auftreten einer Band und der musikalische wie textliche Inhalt alles nötige zum Ausdruck bringen? Oder andersrum, spricht etwa eine einfache schriftliche oder verbale Distanzierung den Inhalt wieder von allen kritischen Betrachtungsweisen frei?? Ist es nötig weil man inzwischen politisch rechts immer schneller mit rechtsextrem oder gar rassistisch gleichsetzt, gleichwohl zu jeder gesunden Politik rechtes wie linkes Gedankengut und Entscheidungen gehören? Oder ist es nötig, wie weiter oben schon erwähnt, weil noch immer die Einstellung zur eigenen Geschichte in Deutschland gestört ist und man es sich auf diese Art und Weise äußerst bequem macht, sich nach einer Distanzierung nicht näher mit dem Inhalt beschäftigen zu müssen? Natürlich gibt es schwarze Schafe, die derart infantilen Inhalt ihrer Musik zu Grunde legen, das es jeder Beschreibung spottet. Aber ist es dann nicht an dem Hörer diese Bands nicht zu unterstützen, bzw. an den Veranstaltern diesen Bands kein Podium für ihre Musik zu geben, als allen anderen aufzubürden sich immer und immer wieder davon abzugrenzen? Thema Ragnarök-Festival, Foren und Nazis: ein gutes Beispiel für einige Festivals die ich in letzter Zeit besuchte und bei denen in den Foren Klagelieder über die anwesenden „Nazis“ gesungen wurden. Meine Güte, sicher 90% der anwesenden Gäste mit als anrüchig geltenden Shirts waren doch noch pubertierende Jugendliche, die entweder provozieren wollten oder schlichtweg nicht wirklich ermessen können was sie da tragen. Da ist Aufklärung und keine Abgrenzung von Nöten. Sicher existiert das Problem von Rechtsextremen auf Metal-Konzerten, gerade im Bereich Pagan und ebenso wenig gibt es Patentlösungen dieses Problem anzugehen, ein ausgrenzen von Menschen(!) löst es aber sicher nicht. Wer maßt sich denn an über andere urteilen zu können, auf Grund ihres Aussehens und oder ihrer Kleidung? Schwindet da nicht eben jene Toleranz dahin, die gerade so viele Metalfans fordern?
Wenn ein solcher Zeitgenosse ein Konzert besuchen möchte, soll er es doch tun, solange er sich den Regeln eines menschlichen und vernünftigen Umgangs unterwirft. Tut er es nicht, gibt es immer noch Sicherheitspersonal das ihn wieder entfernen kann.
Zumeist liegt doch das Problem nicht in dieser Subkultur der Musik sondern im sozialen und gesellschaftlichem Umfeld eben jener Menschen. Und um das zu ändern bedarf es mehr als ein empörtes Aufschreien einer Musikszene...


DF: Mal wieder zurück zu Odroerir – was hört ihr privat so an Musik?

S: Eluveitie! Ok, das mußte ich jetzt einfach schreiben. :) Nun es ist von Person zu Person unterschiedlich und eine komplette Aufstellung würde den Rahmen sprengen, aber generell umfasst es alle Spielarten des Metal, Rock, Folk, Soundtracks, nahezu alles eigentlich bis auf rein elektronische Musik. Eine beispielsweise ziemlich unbekannte aber überaus geniale, ergreifende und empfehlenswerte Folk-Scheibe aus Schweden, die immer wieder in meinem CD-Player landet, ist das Projekt Volund. Ein kleiner Querschnitt (keine Topliste!) der Scheiben die dieser Tage (mal wieder) durch meinen Player gelaufen sind: Amorphis – Tales from the thousand lakes, Blind Guardian – A twist in the myth (leider ein Fehlkauf, Erwartungen nicht erfüllt), Ulver – Kveldssanger, In Flames – Colony, Carcass –Heartwork, Memento Mori – Rhymes of Lunacy, Borknagar –Empiricism, Judas Priest – British Steel, Manowar – Sons of Odin, Aeternus - ... and so the night became, usw. ...

DF: Wie geht’s jetzt weiter bei euch nach der Tour? Erstmal nach Hause und ausspannen, oder steht ihr schon in den Startlöchern, um am nächsten Album weiterzuarbeiten?

S: Im Moment erholen wir uns noch alle von den „Strapazen“ der Tour und wie schon erwähnt planen wir im Frühjahr erneut das Studio aufzusuchen.

DF: Bei einem Interview meintest du/meinte Fix mal dass er gar keinen Fernseher hätte – Deadfall ist ja ein reines Internet-Magazin (unser Printmag, der Versuch unser Online-Radio wiederzuerwecken, hat sich leider nicht verkauft und wurde nach nur drei Ausgaben wieder eingestellt), wie ist denn dann eure Meinung zum World Wide Web?

S: Das Internet ist ein großartiges (und im Vergleich zum Fernseher wesentlich flexibleres) Instrument zur Informations- und Nachrichtenübermittlung, Freizeitgestaltung, Wissensvermittlung usw., allerdings eignet es sich beispielsweise auch hervorragend als Plattform für anonym bleibende geltungsbedürftige Kleingeister, die meinen überall ungestraft ihre geistigen Reflektionen von zweifelhaftem Wert abladen zu müssen. Tja wie überall – wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten. Es geht auch ohne aber ich persönlich möchte das WWW nicht mehr missen.

DF: Schlussendlich: Gibt es noch einige Worte zum Abschluss?

S: Danke für das Interview und für das Interesse der Leser, die tatsächlich bis hier her gelesen haben. Meine Hoffnung ist, das wir irgendwann Interviews nur auf Grund dessen führen können, was uns als Band eigentlich ausmacht: Musik und ihre thematischen Inhalte und nicht das immerwiederkehrende hineininterpretieren von Politik.
Letzte Worte? Wie wäre es mal mit einem Zitat von Rosa Luxemburg: „Freiheit ist immer nur Freiheit des anders Denkenden.“

Interview Details


Official Homepage
Lineup:

Fix - Vocals, Gitarre, altertümliche Instrumente Stickel - Gitarre, Vocals und Erzähler, altertümliche Instrumente Philipp - Drums Manuel - Bass Veit - Geige, Cells Natalie - Gesang
Interviewed by: Gawain
Interview Date: 18.11.2006









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